Vom Schaf zur Wolle – Internationaler Tag für die biologische Vielfalt & World Heritage Day in Osterburken

Pressemitteilung vom 27.05.2009

Timo Diem ist Maschinenführer aus Widdern und wenn es um Archäotechnik geht, dann wird der eher stille junge Mann gesprächig. Ob beim Bau einer Belagerungsmaschine oder wenn es um alte Getreidesorten geht, die Vergangenheit fasziniert ihn. Am Wochenende vom 30 Mai bis zum 1. Juni, an Pfingsten, zeigt er seinen Nachbau eines mittelalterlichen Webstuhls auf der Marienhöhe. In ganz Europa begeht man am 1. Juni den World Heritage Day, in Deutschland steht diese Bewegung noch am Anfang.

Nur wenige Living History Museen gibt es überhaupt in Europa. Die größte Tradition hat das Nacherlebbarmachen in so genannten „households” und „displays” in der englischsprachigen Welt. Inzwischen gibt es aber auch in den Niederlanden und Frankreich Museen, die sich vom Nur-Vitrinen-Museum als Konzept verabschiedet haben und nicht Originale im Eigentlichen Sinn sammeln, sondern in denen der Nachbau, am besten mit dem Besucher, im Rahmen experimentellen Lernens im Mittelpunkt stehen. Während diese „heritage industry” weltweit anerkannt ist, hat man in Deutschland noch Probleme mit der Tatsache, dass Gemeinnützigkeit neben seiner öffentlichen Wirkung auch ein fiskalpolitischer Begriff ist und man Ressentiments gegenüber so genannten kommerziellen Museen pflegt. Wie wertvoll allerdings die Arbeit solcher Erlebnis-Museen sein kann, zeigen neben Einrichtungen wie etwa das Mathematikmuseum in Giessen der Histotainment Park in Osterburken.

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Keine Marktbuden, keine Gaukler, kein Entertainment sondern erlebnispädagogische Aufbereitung vor allem des textilen Handwerkes, aber darüber hinaus auch andere Bereiche, welche die biologische Vielfalt nutzbar und für schützenswert erklären sollen, sind an Pfingsten zu sehen. Rund ein Dutzend Stationen erklären, wie und was man tun muss, wenn man sich tierische und pflanzliche Rohstoffe als Kleidung zu nutze machen will.

Mindestens zwei mal täglich zeigen Michael Wolf und Freddy Grewe wie mit einer geschmiedeten Schere Schafe geschoren werden können, ganz ohne Elektrizität. Das Vlies wird grob gereinigt, zusammengerollt und den nächsten Arbeitsschritten übergeben. Sie erklären das Werkzeug, die Techniken und geben auch Erläuterungen zu den alten Haustierrassen im Museumspark. Holger Lauerer und die Kinder Jakob und Hanna machen derweil Feuer unter den beiden großen Kesseln. Feuerholz muss gehackt und herangetragen werden und das Wasser kommt aus dem Brunnen, direkt beim Kohlenmailer. Hier wird die Wolle ausgekocht, gewaschen und getrocknet, das Lanolin vom Wasser getrennt und als Salbengrundlage und zur Wollrückfettung gewonnen. Ein paar Meter weiter sitzt die 10 jährige Sophie und kämmt die Wollen mit verschiedenen Werkzeugen. Kardieren nennt man das Kämmen mit den Karden, Disteln, die zum Teil zu Bürsten zusammengesteckt werden. Beate Lauerer zeigt, wie man filzt und walkt und so Tuche gewinnen kann, die für alles von Hemd über Hose, von Hut bis Schuh getragen werden können. Ein paar Schritte weiter zeigt Sylvia Winter, wie man einen Faden aus der kardierten Wolle spinnt. Sowohl das Zwirnen mit der Gewichtsspindel, der Wirtel, als auch am Spinnrad sind eine große Handwerkskunst und Vorraussetzung für die Verarbeitung am Webrahmen. Gezeigt werden dabei Techniken und Gerätschaften als historische Nachbauten von Tischwebstuhl, einfachen Webrahmen, Gewichtswebstuhl, Brettchenweberei und einem großen Sitzwebstuhl. Besucher können dabei die meisten Techniken einüben, nachahmen und ausprobieren. An jeder Station liegt Literatur, die man einsehen oder beim eigens dafür eingerichteten Büchertisch erwerben kann. Wer sich zu fragen nicht traut, kann sich an die ausschließlich für diese „Ausstellung” gefertigten Tafeln über die Hintergründe und Techniken, die Werkzeuge und deren Geschichte unterrichten.

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Eine besondere Kulturtechnik ist das Naal- oder Nadelbinding, die ein-nadelige Vorstufe des modernen Strickens. Linda Wolters, die Azubine zur Veranstaltungskauffrau im Museum ist inzwischen Expertin, ebenso wie Magdalena Lauerer und die Museumspädagogin Tina Meyr. Auch das Gerben darf nicht fehlen. Isabel Wilsky zeigt, wie mit Hirn eine Fettgerbung funktioniert, was vegetabile Gerbungen sind und wie viel Arbeit das Gerben macht, bis es zu einem festen Schuh verarbeitet werden kann. Schneidermeisterin Monika Wohlrab erläutert an beiden Tagen während der Arbeit das Werden eines Kindergewandes.
Die Holwürmer zeigen den Bau von Webrahmen, der Seiler macht aus Pflanzenfasern Seile und der Landmann wird sein Feld .

Am Seilerhaus wird so genanntes „Frouwenwerk” gezeigt. Sticken, Weben und das Verzieren mit Bändern und Borten werden gezeigt. Besucher-Café und Spießbürger laden darüber hinaus zum Verweilen ein.

Das Gelände des Museumsparks ist insgesamt geöffnet, so dass auch den Handwerkern beim weiteren Bau über die Schultern gesehen werden kann. Der Tierpfleger erläutert die Geschichte und Vorzüge historischer Rassen und wer Fragen welcher Art auch immer zur Geschichte und zum Museumspark hat, findet ausreichend Gelegenheit auf Antwort. Der Park ist an allen Ausstellungstagen von 11 bis 18 Uhr geöffnet. Die Museumsgastronomie bei Bedarf jeweils 2 Stunden länger.