Grußwort

Seid gegrüßt!

Zu Zeiten als die Welt noch jung war … und auch wir noch jung an Jahren, streiften wir als Jäger und Sammler über die idyllische Hügellandschaft des Kraichgaus. Manchmal waren wir auch germanische oder keltische Stammeskrieger, Wikinger oder Ritter. Auch als Cowboys und Indianer lebten und erlebten wir in phantasievollen Spielen das Land und die Gruppe.

Die farbenprächtigen Wechsel der Jahreszeiten und das Wetter bestimmten Art und Ausmaß unserer Abenteuer. Ich erinnere mich an manchen Winter, mit Schlitten, Mundvorrat und den wichtigsten Waffen gerüstet, durch verschneite Wälder ziehend oder im Sommer barfuß durch Bäche watend. Unschuldig und unwissend nutzten wir die Möglichkeiten die sich uns boten. Das verbotene „Lagerfeuer machen“ oder die Staudämme in der Elsenz, waren so manch Ärgernis für die über uns wachenden Götter (Erwachsene).

Unsere Gewandung bestand aus Kartoffelsäcken oder alten Lumpen, doch für uns waren es glänzende Harnische und kunstvolle Gewänder. In Steinsfurt gab es in meinen Kindertagen noch einen alten Sattlermeister, der für uns Kinder eben jene Kartoffelsäcke in Kettenhemden verwandelte. Ganz einfach, indem er die Säume mit einem silberfarbenen Band faßte und Öffnung für Kopf und Arme freiließ. Unsere Waffen stellten wir selbst her: Holzschwerter, Speere und Pfeil und Bogen waren die Standardbewaffnung. Manch einer nannte stolz einen Schild sein Eigen. Wir kannten die Stellen an den Haselbusch, Weiden, Schilf und Holunder gedieh, schließlich war man im Sommer eigentlich immer in Wald und Flur unterwegs. Rohstoffe zur Herstellung unserer Ausrüstung waren im Überfluß vorhanden. Es gab Tümpel und Bäche, einsame Waldlichtungen und wir hatten immer irgendwo ein Lager, in dem wir uns trafen um zu spielen.

Durch elektronische Spiele und Videos erfuhren wir keine Grenzen, weil es solche Dinge damals nicht gab. Für mich war vielmehr der Heimatkundeunterricht in der Schule immer wieder Quelle der Inspiration. Und es gab Wickie, den kleinen Sohn eines Wikingerhäuptlings, dessen Abenteuer mich damals wie heute „be-geist-ern“. Comics waren wertvolle Tauschware, für die man sein sauer verdientes Taschengeld opferte. An Literatur kannten wir sonst noch nicht viel, doch mit den Jahren wurde man fündig.

Auch Kriegszüge waren damals schon Thema, schließlich gab es mehrere konkurrierende Horden im Dorf. Interessanterweise spielten sich die Schlachten folgendermaßen ab:

Man brauchte zunächst einen triftigen Grund, das konnte bspw. ein Überfall einer anderen Gruppe auf ein eigenes Lager und dessen Zerstörung sein. Manchmal gab man sich auch mit weniger zufrieden, Beleidigung oder einfach nur, daß einem die Nase des einen oder anderen nicht paßte. Dann erfolgte die Planung und die Wahl eines Kriegshäuptlings, sofern es diesen nicht schon gab (ja, ja, es waren kriegerische Zeiten). Ort und Zeit der Schlacht wurden meist in der Schule ausgemacht, schließlich befand man sich dort auf neutralem Boden und Waffen tragen war verboten. Nach den unvermeidlichen Hausaufgaben traf man sich dann am verabredeten Ort und marschierte waffenschwingend und grölend gemeinsam zum Schlachtfeld. Dort erging man sich zunächst in üblen Beschimpfungen und Drohungen, bei denen oftmals auch der Grund der Fehde zur Sprache kam. Irgendwann waren die Gemüter dann so erhitzt, daß es zum Schlagabtausch kam. In den meisten Fällen waren dies ein Zweikampf der Kriegshäuptlinge oder der Stärksten und Mutigsten der Stämme. Selten kam es vor, daß alle Anwesenden übereinanderherfielen.

Wir waren auch schlau genug als Schlachtfeld immer Orte zu wählen, die von den Göttern (den Erwachsenen und Lehrern) nicht eingesehen werden konnten. Das Risiko einer Strafe in Form eines göttlichen Schlages oder einer Inhaftierung (Hausarrest) war uns zu groß. Darin war man sich zumeist einig. Obwohl die Abschürfungen und blauen Augen von dererlei Aktivitäten kündeten.

Man kann uns nicht vorwerfen, daß wir unsere Kindheit nicht ausgelebt und genossen hätten. Trotzdem zieht es uns auch als Erwachsene zu dererlei Vergnügungen hin.

Besteht in uns immer noch der Wunsch diese Freiheit und dieselben Abenteuer wie in Kindertagen zu leben und zu erleben? Immerhin übten wir auf den Wiesen und in den Wäldern das, was uns auch als „Er-wachsen-e“ einen Großteil unserer Freizeit kosten sollte. Das Gefühl ist das gleiche, aber das schönste daran ist, daß es heute eine andere Qualität hat. Ich sehe gerade die glänzenden Augen vor mir, wenn einem auf dem Mittelalter- Markte Kinder begegnen und deren glänzende Augen fragend das Schwerte berühren, welches wir heute an unserer Seite tragen. Sogenannte Erwachsene lächeln dabei gütig. Doch glaube ich, daß sie nicht wissen, daß eigentlich sie diejenigen sind die die Gewandung tragen. Graue Masken des Alltags verunzieren leider oft genug deren wahre Gesichter. Dabei ist es so einfach die Gewandung zu tauschen, um Freiheit und Abenteuer wie in Kindertagen zu erleben …

Eigentlich sind unsere Erlebnisse nichts besonderes, viele Kinder, die heute in unserem Alter sind, wie auch schon unsere Eltern und der Vorfahren haben in Wald und Flur ähnliche Spiele gespielt. Das Besondere daran ist, sich daran zu erinnern und dies bewußt zu leben.

Viel zu selten erlebt man, daß wir auf den Märkten den Kindern unsere volle Aufmerksamkeit schenken. Es gibt Ausnahmen sicher, allen voran die „Schnaken“, deren Tjosten fürs Volk genau das treffen was ich im Vorfeld beschrieben habe.

Wir sollten uns auch darüber bewußt sein, daß viele Besucher nur ihrer nach Abenteuer drängenden Kinder wegen auf die Märkte gehen. Doch durft` man oft erleben, daß auch erwachsne Augen mit elektronisch Zauberwerk so manches Bild zum heimischen Herde tragen.

Ob edle Recken, wilde Krieger, schön gewandet Edelfrau, Kleriker, Bettler, Bauer, Scharlatan oder den unvermeindlichen Narren, jeder spielt im großen Spiel des Lebens die Rolle die ihm zusteht.
Michael Rau